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TRAXS – Der Video-Podcast für Heim- und Küchentischkultur

TRAXS – Folge #01

Folge #01 – Mdme K.

Quelle: TRAXS – Der Podcast für Heim- und Küchentischkultur

2017-06-11. – LeseTB #8 III – ‚Leben‘ von Karl Ove Knausgård … die Dritte ;-)

05.06. … 19.58 Uhr … Terrasse 

Ich habe beim Lesen völlig vergessen Notizen zu machen. Ich habe einfach gelesen, gelesen und gelesen, über das Schreiben, über Sex, über Musik und über das ‚Leben‘ im äußersten Norden. Über das ‚Leben‘, wenn es ständig Nacht ist.

Faszinierend, dass Begriffe wie Heimat, Familie, Saufen, Schreiben, Sex, Musik und Natur für Karl Ove Knausgård augenscheinlich den Begriff ‚Leben‘ prägen. Mir kommt es so vor, als ob in den anderen Teilen seines autobiografischen Werkes weniger statische ‚Begriffe‘ eine Rolle spielten.

23:45

Karl Ove schreibt u.a. über richtige Gelegenheiten ein Buch zu Ende zu lesen, ich breche das Lesen ab, um den richtigen Moment zu finden, ein Buch zu beenden. Heute Nacht wäre doof. 

08.06. … 20:34 … Wäscheschapp:

Den Rest habe ich dann einfach weiter gelesen, mit Lust gelesen, gelesen, gelesen, einfach gelesen, wie ich das ganze Buch einfach gelesen habe.

Vielleicht muss man gar nicht jedes Buch, das man liest kommentieren. Vielleicht kann man ein Buch auch einfach mal lesen. Es gab kleine Happen und es gab große Happen, kleine unspektakuläre Happen, kleine Berührtheiten und kleine Besonderheiten. Kleine Weichen und große Weichen die Karl Ove Knausgård da in seinem Jahr in Nord-Norwegen für sein ‚Leben‘ gestellt hat. Aber jeder einzelne Happen war für mich, den Leser eine kleine Flucht in ein kleines Dorf in Nord-Norwegen, eine kleine Reise. 

Ich mag das Erzählen des Herrn Knausgård sehr, sehr gern. (Im Nachgang erinnert es mich wirklich ein wenig an Knud Hamsun.)

Knausgård gehört zu den Schreibern, bei denen ich ein gewisses Setting brauche, um mit dem Lesen nicht mehr aufhören zu können.( später Abend/ früher Morgen, Rotwein/ Viel Kaffee, morgen frei/ heute frei, Muße/ Muße.) In solchen Momenten, wenn ich mich einlasse, denke ich, ich sollte mit dem Schreiben aufhören, weil es das schon gibt, was ich im Kopf habe: Die Existenz eines Kindes der Achtziger beschreiben. 

Was bleibt ist eine Zeit im Lauf der Welt. Es bleibt eine kurze Spanne der Weltgeschichte, in der ich auch groß geworden bin, es bleibt Musik.

Hier meine Auseinandersetzung damit:
Ein Spotify-Mix, u.a. mit den im Buch erwähnten Bands.

Ein tolles Buch. Nur komme ich nicht davon weg, das Ende irgendwie plump zu finden. Da hätte Herr Knausgård auch nochmal genausogut in irgendeine Ecke kotzen können, um die Attitüde zu erhalten.

2017-05-27 – LeseTB #8 II: ‚Leben‘ von Karl Ove Knausgård

Ich bin schon ein echter Fan des autobiografischen Schreibens, als Leser und als Schreiber. Als Schreiber halte ich es allerdings für ein wenig überheblich, zu glauben, das eigene Leben hätte etwas an Bedeutung, dass über eben das eigene Leben hinaus geht. Kanusgårds zeigt, dass es anders sein kann. Seine Geschichten sind fast banal. Banale Geschichten aus einer bestimmten Zeit. 

Ich habe mich vorgestern auf einer Party mit einem Typen, ebenfalls um die 50, über Knausgård unterhalten. Er bezeichnete ihn als manchmal ‚zäh‘. Ich empfinde allerdings auf jeder einzelnen Seite Impulse, die mich unaufhaltsam in meine eigenen Erinnerungen treiben. Und: Ich genieße gerade das! Ich denke an Kerstin, Martina, Birgit, an Julia, Sahra und Claudia, ich denke an Schulen, Bushaltestellen und mobile Discos, ich erinnere mich an Musik, Filme, goldene Hochzeiten, an Räusche, Gefühle und Ernüchterungen. Ich träume mich in Erinnerungen und kann sie akzeptieren, wie es Männer über 50 irgendwann können sollten.

Mein persönlicher Sport ist es die beschriebene, musikalische Entwicklung von Karl Ove im Buch zu markieren, mit der Idee, sie später in Spotify zu einer Kanusgård-Playlist zusammenzuführen. Alleine darüber freue ich mich. Welcher meiner Zeitgenossen konnte sich schon wirklich für die Violent Femmes begeistern oder kannte überhaupt Tuxedo Moon. Knausgård schrieb als Jugendlicher Rezensionen in einer winzigen, lokalen Zeitung über deren Platten. Es ist vielleicht billig, aber das allein reicht schon für ein paar Credits, die ich ihm geb‘.

(#beimMusikErinnernKlingenWieDerEigeneVater)

Der Typ, mit dem ich mich vorgestern, auf der Party unterhielt, kam darauf, dass er aktuelle Fotos von Herrn Kanusgård gesehen hätte. „Das habe ich auch, erst vor Kurzem.“entgegnete ich. 

Mein Gegenüber hatte das irgendwie schockiert. Er meinte Knausgård sähe ‚fertig‘ aus. Mein Gegenüber war ebenfalls um die 50 und war mit dem Rad, ca. 40 km auf die Party gekommen und saß mir in Fittnessklamotten und Glatze gegenüber, auf einem kleinen Balkon. „Das wird schon am Saufen liegen‘, gab ich meine Theorie kund. 

Mich hat Kanusgårds Aussehen eher angesprochen. Er würde gut in meine persönliche Midlife-Peergroup passen, habe ich gedacht, also zum Kreis meiner besten, ältesten Kumpels. ‚Live fast, die young‘ war schließlich keine unwesentliche Attitüde derselben.

Ich habe da mal was montiert.

Links der olle Karl Ove, rechts, das bin ich. Ich bin älter als Knausgård, sehe aber jünger aus, weil ich erst mit 35 Jahren angefangen habe richtig zu saufen. (Kanusgård hat schon mit 17 vier Flaschen Weißwein gekippt, dass schaffe ich nichtmal heute und er braucht mir nichts über einen vernünftigen Umgang mit Alkohol aufzuschreiben.)

Warum poste ich solch ein Foto? Weil ich ein Fan bin. Ich bin insofern ein Fan, weil ich ein Fan des Autobiografischen Schreibens bin. ( vergl.: ‚Die Liebe in Zeiten gepflasterter Hofeinfahrten‘ … 

https://www.amazon.de/Die-Liebe-Zeiten-gepflasterter-Hofeinfahrten/dp/3739215909  … )

In dieser Eigenart macht Knausgård das, was ich noch vorhabe und nicht machen werde, weil er es schon sehr, sehr, sehr gut gemacht hat: Festhalten, was es bedeutet ein Kind seiner Zeit zu sein. Ein Kind der 80’er. Schön, dass er/es seine Anerkennung findet.

Es ist ein sommerlicher Sonntagnachmittag. Die Lust zu schreiben nimmt ab. Ich werde jetzt in die Sauna gehen, mir ein paar Bier öffnen und mich Knausgård lesend wohlwollend erinnern. 

‚Schmökern‘ nannte ich dieses Gefühl beim Lesen als kleiner Junge.

2017-05-22 – LeseTB #8 : ‚Leben‘ von Karl Ove Knausgård

( Erstes Drittel )
14.05. … 16:40 … Terrasse 

Man höre und staune: Ich sitze zum Schreiben auf der Terrasse. Drinnen spielt der Jüngste lautstark mit einem Freund irgendwelche Drachenspiele. Der 18jährige baut probeweise ein Zelt auf, weil er sein Abi durch hat. Am Dienstag wird er mit ein paar Kumpels nach Südfrankreich aufbrechen. Der Älteste ist über das Wochenende zu Besuch und sortiert Antworten auf eine Annonce, weil er einen neuen Mitwohni sucht. Die Liebste ist gerade losgefahren und holt Herrn Zwackelmann in unser Haus. Herr Zwackelmann ist ein kleiner Hund, der uns als Baby vor ein paar Wochen zugelaufen ist und sehr gut zu uns und dem Hund Räuber, sowie den Katzen ‚Hotzi’&’Plotzi‘ passte. Es dauerte keine drei Minuten und Herr Zwackelmann hatte einen Namen. … Und! … Er sollte bleiben. Leider war er noch ein wenig zu jung, aber auch die Züchterin fand uns und die Tiere passend, so dass heute der große Tag ist. Herr Zwackelmann wird in ca. einer Stunde einziehen.

Ansonsten plätschern die Tage so dahin und werden begleitet von Karl Ove Knausgård und den Geschichten, die uns an seinem ‚Leben‘, erschienen bei Luchterhand, übersetzt von Paul Berf teilhaben lassen.

Es ist der vierte Band des 6 Bände umfasssenden autobiografischen Projektes, welches Herr Knausgård abarbeitet und ich bin wieder mal begeistert am Lesen. ( 5 der 6 Bände habe ich bereits gelesen.) 

Warum ist dieser Stiel so einnehmend. Es sind zumeist banale, kleine Episoden aus einem normalen Leben. Erlebnisse, die eigentlich jeder mehr oder weniger ähnlich kennen müsste.

Ein junger Mann macht Abitur, hat Vorstellungen und Ideale jenseits einer geregelten Bürgerlichkeit und wird erstmal Hilfslehrer in Nord-Norwegen. Eigentlich interessieren Ihn nur sein Wunsch nach Sex, nach Alkohol und seine Leidenschaft für Musik. Aber alles bleibt schön schüchtern erfolglos und ganz normal.

Kurze, unkomplizierte Sätze in der Ich-Form verstärken das Erzählende der Geschichte. Und … Kanusgård hat Zeit. … Lässt sich unendlich Zeit beim Erzählen und trotzdem scheint nichts überflüssig, wenn man bereit ist sich einzudenken.

Ich zumindest tauche jederzeit wieder gerne ein in die Welt dieses anderen und kann oft genau nachfühlen, was da in den Episoden eines Kindes der 80’er Jahre passiert. Den angeblich langweiligen 80’er Jahren. Aber vllt verschiebt sich nur der Fokus, hin zu etwas eher privaten. Deshalb hat dieses autobiografische Experiment für mich schon mal einen Wert, weil es aus einer Jugend in den 80’ern erwächst und die Ereignislosigkeit der Zeit mit einem Gefühl anfüllt, die das besondere eben dieser Zeit beschreibt. 

22.05. … 20:16

Ich sitze wieder auf der Terrasse und lese Knausgård, leider viel zu selten, wegen der Arbeit. Ich habe fast nur noch die Energie für Podcasts und Radiofeatures.

Wenn ich dann in meinem Buch lese, bin ich begeistert von dem erzählerischen Können und den Wechselspiel in den Episoden. Knausgård ist fast 50. Ich bin 50.

Wenn Knausgård z.B. Episoden aus seinem jungen Erwachsenenleben erzählt, die mit seinem Vater zu tub haben, weiß ich am Ende nicht mehr mit wem ich mich identifiziere. Das ist wirklich Kunst. Ich lege das Buch zur Seite und denke nach.

Lust.Ration. – #XXIV Schweiging

Quelle: Lust.Ration. – #XXIV Schweiging

2017.05.07. – Lesetagebuch #7 – ‚Das blaue Buch‘ von A.L. Kennedy

Das blaue Buch: 
Von A.L. Kennedy, übersetzt von Ingo Herzke, 2012 im Carl Hanser Verlag erschienen.

31.04. … 22:16 …

Ich war eigentlich nur ein wenig neugierig darauf, wie Frau Kennedy, nachdem ich ihr Buch ‚Schreiben‘ gelesen habe, das mit den Lebenszeichen und den Charakteren macht. 
vergl. : 

https://geistzeitraum.wordpress.com/2017/04/22/2017-04-15-lesetagebuch-7-a-l-kennedy-schreiben-uebersetzt-von-ingo-herzke/    

Und dann eröffnet sie so grandios, dass ich einfach nur Lust auf’s Lesen spüre.

Was für ein Intro !!!!

Es hat fast was mit Musik zu tun, eher mit einem 80’er Jahre Punksong, als mit einer Symphonie von Mahler. Obwohl?!

Das Intro wirkt fast wie ein Kontrakt, den A.L. Kennedy mit dem Leser schließen will. Ja. Bitte. Liebe Autorin! Halte nur annähernd deine Seite des Kontraktes ein, Baby, und ich werde dich lesen, werde vielleicht eine neue Lieblingsautorin haben.

28.04. …. 18:56

Ich habe diese Woche viel gearbeitet und tatsächlich eher die Zerstreuung, nach 11 Stundentagen, in einem Türkisch-Kurs via „babbel“ (*1) gefunden, als im Lesen ‚meines‘ Buches, als im blauen Buch.

Trotzdem steht die Beziehung zur Geschichte (*2) und ich freue mich und bin total neugierig auf das „blaue Buch“ im „blauen Buch“, welches irgendwann auftauchen soll. Ich merke allerdings auch, dass ich frisch im Kopf sein sollte, wenn wir aufeinander treffen, das Buch und ich.

Ich stelle fest: Da gibt es bei mir im Moment leider ein paar Tage, an denen ich in müßiger Zeit nicht frisch genug bin.

(*1) ‚Babbel‘ ist eine spielerische Sprachlernapp, die wirklich Spaß macht. Man „zockt“ sich durch den Kurs und lerntheoretisch scheint es bei mir voll hinzuhauen. 

(2*) Die Geschichte spielt sich im Wesentlichen in einer Dreiecksbeziehung auf einem Kreuzfahrtschiff ab, wobei einer der Protagonisten eher ausser Gefecht gesetzt ist. Das Wetter ist schlecht. 

01.05. … 20:51

Schrieb ich vor ein paar Tagen, das Buch wäre so etwas wie eine neue Freundin, Bekanntschaft?

Dann schreibe ich heute, dass das immer noch so ist und schlimmer wird. Aber, wie das manchmal mit Freundinnen so ist, finde ich es auch hier auf Dauer doch eher kompliziert. 

Warum müssen heute so viele Autoren sich an der Grenze ausprobieren, wo es zuuu abgefahren, oder zu persönlich wird. Habe Angst, dass es mir auch mit Frau Kennedy so geht, dass die Figuren vielleicht zu wenig fiktiv sind und damit zu dicht am Gefühlsleben der Autorin.

Auf dem Schiff, wird die Tiefe und Geschichte einer Beziehung ausgelotet und es geht mir ein wenig zu sehr um Sex, besser um die Sehnsucht nach einem Gefühl, dass man mit Sex verbinden kann.

Habe so ein Gefühl, zuviel emotionalen Müll abzubekommen.
 

02.05. … 20:50

Ich bin beim Lesen immer wieder überrascht, wo mich die gedankliche Reise beim Lesen hinführt und wie oft ich, weit zurückblättern muss, weil ich mich in Gedanken über meine Beziehungen und deren Enden verlier. „Ah, hier kann ich wieder einsteigen. Was bin ich weit abgedriftet.“

Der Plot rückt immer weiter in den Hintergrund. Das ist ein Kompliment. Die Gefühle, die bleiben, ähnlich, wie in einem Traum, sind das Wesentliche, sind dass was hängen bleibt.

21:30

Zitat: „Und sie spürt, wie unruhig sein Körper ist, weil er so unbedingt präzise sein und seine Gefühle von ihren trennen, sie frei und ungezwungen halten will. Diese Zärtlichkeit leuchtet sie hell an.“

Die Reise ist weit über die Hälfte hinter sich gebracht und die Hälfte der Reisenden ist seekrank. Die Geschichte fokussiert sich auf zwei der Eingangs erwähnten Protagonisten.

04..05.2017 … 21:30

Ich weiß, ich bin ein alter ‚Nörgelkopp‘ und ich hasse mich manchmal dafür. Es ist vielleicht nicht gut gewesen vorher „Schrelben“ von A.F.K. gelesen zu haben. Nach ‚Schreiben‘ war ich einfach nur neugierig wie die Personen entwickelt werden und wieviel Kreativität in diesen Figuren wohl stecken mag. 

Beim Lesen von „Das blaue Buch“ werde ich das Gefühl nicht los beide, Pro- und Antagonist sind zu, …. zu, …. zu wenig fiktiv und damit im Zusammenhang der Geschichte doch zu persönlich. Das macht das Buch für mich ab einem gewissen Punkt zu psychologisch. Aber ich nerve auch mit solchen Sachen. Am meisten mich selbst. Deshalb lese ich jetzt mal vorbehaltlos das letzte Zehntel.

( P.S.: Was mir auch auffällt, ist das mich die kleinen Anekdoten in dem großen Ganzen immer wieder fesseln und ich mehrere Seiten so weglese, ohne es zu merken. (Erzählerische Qualität!!!)) … aber der Gesamtzusammenhang einer sehr persönlichen Beziehung hält mich als Leser irgendwie aussen vor, bzw. bleibe ich freiwillig auf Distanz zu diesem schrägen Pärchen. Ich würde sie nicht zu mir nach Hause einladen wollen.

(Ich lese trotzdem begeistert weiter, wegen der vielen, sehr poetische Stellen. Ich merke, ich liebe diese Elemente, diese Fragmente, aber ich spüre die Kreativität nicht in den tragenden Figuren. Sie sind mir zu traurig. (Booaa! Ich bin so überheblich. Wer bin ich ?) …. „das blaue Buch“ bleibt ein polarisierendes und damit tolles Buch !!!)

06.05.2017 … 19:26

Heute ist Samstag und ich habe mich, schon heute morgen, noch einmal, mit Kaffee im Bett regelrecht eingelesen. Über Tag, bin ich immer wieder kurz in die Geschichte eingetaucht.

Umso mehr erschrecke ich mich jetzt gerade, bei der Entdeckung, jetzt gerade auf den letzten Seiten gelandet zu sein. 

Obwohl ich die Beziehung zum Buch mittlerweile hölle-anstrengend, ausweichend und unklar finde, A.L. Kennedy zu meinen anstrengendsten Freundinnen zähle, erschrecke ich, weil ich nicht möchte, dass eine wirklich persönliche Beziehung, sei sie auch noch so anstrengend, so plötzlich endet.

Und dann passiert genau das: Eine Geschichte endet und ich stehe ganz allein damit da.

Eine Geschichte, mit der bestimmt fast jeder, etwas gereifte Mensch eine Erinnerung, eine Assoziation verbindet.

Aber es lässt sich nicht ändern. Die Geschichte ist aus und ich bleibe ein wenig zu traurig zurück. 

2017.04.15. – Lesetagebuch #7 – A.L. Kennedy – „Schreiben“ übersetzt von Ingo Herzke


15.04 … 22:24 – Karsamstag 2017

Ich habe mir vor ein paar Minuten das Buch herunter geladen und schon das erste Kapitel strotzt vor Entschlossenheit und Energie, die mich auf der Stelle verzweifeln lassen. Ich müsste mein derzeitiges Leben völlig auf den Kopf stellen um dieser Energie folgen zu können.

 

Eine denkbare Möglichkeit, aber auch nicht mehr. Das soll zufrieden klingen, nicht frustriert.
Der erste Blog aus einer Reihe, die im Carl Hanser Verlag, in der Übersetzung von Ingo Herzke erschienen ist, endet mit dem Ein-Wort-Satz: ‚Vorwärts‘. Das macht mir Angst.

22:36

Auch der zweite Blog endet mit dem Einwortsatz ‚Vorwärts.‘.

In Verbindung mit einer Neugierde als Geisteshaltung findet ‚Schreiben‘ hier eindeutig im Kontext von Leben statt und nicht in einem einsamen, inneren Elfenbeinturm. Insofern empfinde ich das Lesen und Schreiben gerade als Rock’n Roll.

Vielleicht liegt das aber auch an den Bauern und ihren Frauen, die Nachbarn von Anne, bei der wir früher am Abend beim Osterfeuer waren. Es war dieses traditionelle, akzeptierte, eben bäuerlich bodenständige Betrunkensein, was Spaß gemacht hat. Es steckte Sex im Schnaps und im Feuer, obwohl alle wußten, dass sie am Ende alle viel zu fertig oder wehrlos sein würden. Na ja bloggen geht ja irgendwie noch.

22:53 

O.kayyy. Auch Blog 3 endet mit dem Satz ‚Vorwärts‘. Habe verstanden. Bezeichnend.
Mag es, wie Frau Kennedy sprachlich auf die Kacke haut, es dann aber nicht einfach dabei belässt, sondern auch noch ein paar schlaue Sachen sagt, letztlich über Live-Literatur, dem Ort des Schreibens, wo ich persönlich meine Roots habe, Anfang des Jahrhunderts. Es geht um Berühren wollen und die Intensität der Sprache.
23:38

In Blog 5 kam sogar zweimal ‚Vorwärts.“ vor und es ging um Workshops, Druck abschütteln, darum wie schön es ist Menschen zuzuhören (erinnert mich gerade an Yalem (aber irgendwie anders)) und es ging um Rezensionen.
Gehe jetzt ins Bett.
17.04. – Ostermontag 

Ich habe schon 13 Blog-Einträge des Buches einfach so weggelesen und es ist seltsam.
Da schreibt eine offensichtlich sehr spannende Frau und Schriftstellerin über ihre privilligierte (*1) Arbeit und ihre Einstellungen zum Schreiben und Leben und ich ? Was tue ich ? …. 
Ich ertappe mich, wie ich mich ständig ermahne, neugierig dem Leben als Quelle der Inspiration entgegen zu treten. Zusätzlich merke ichi, wie ich in den letzten zwei Tagen ständig heimlich ‚Vorwärts!‘ zu mir sagte, gerade, wenn es um meine Dinge ging, meine Projekte. Danke dafür Frau Kennedy.
(*1: ‚Privilegiert‘, weil es privivilegiert ist, vom Schreiben zu leben. Ich gönne Frau Kennedy das Doppelte, Dreifache, ach was – das Vierfache ihres Einkommens und freue mich auf den nächsten Roman ( um ein wenig Druck auszuüben;-)) … den sie, wie sie schreibt gar nicht mag.
P.S.: Disziplin, diese verdammte Disziplin, – und die Beharrlichkeit. Eins wird auch bei A.L. Kennedy klar: Scheiben geht nicht ohne Beharrlichkeit und Disziplin. Wenn es dann auch noch ‚geil‘ werden soll, brauch es Neugier und Inspiration. Vorwärts.
18.04.

Den Rest der Blog-Kapitel, des Buches, habe ich so runtergelesen, weil sie kurzweilig in der Sprache sind. Genauso wie die zwei Essays ‚Charakter stärken‘ und ‚Lebenszeichen‘. ‚Words‘, eine ‚Solo-Performance‘, kann man als Zusammenfassung der anderen Texte bezeichnen. Man liest und liest, kriegt Lust aufs schreiben und die Inhalte fliegen dabei ein wenig vorbei. 

21.04.
Nein die Inhalte fliegen nichts vorbei, sie sind bloss nicht so aufdringlich, wie man das von anderen ‚Schreibratgebern‘ kennt. A.L.Kennedy berührt einen tatsächlich und setzt sich hintenherum fest im Kopf. Man liest so dahin und entdeckt erst hinterher, beim Abwasch, oder auf der Runde mit dem Hund, wie tief die Inhalte in die Gehirnwindungen gesunken sind und einen konstruktiv beschäftigen.
Vorhin, beim Saugen, habe ich kurz gedacht: ‚Ich habe regelrecht das Gefühl, eine neue schottische Freundin zu haben.‘ Kompliment, das deckt sich, glaube ich mit dem was Frau Kennedy für sich mit ‚Lebenszeichen‘ meint. Das muss man können.

2017.04.11 – Lesetagebuch #6- ‚Open City‘ von Teju Cole

Jaaaa!! … Endlich mal wieder ein Buch, das man als anregend und ‚erbaulich‘ bezeichnen könnte. Ein Buch, wie ich es mag. Ein Buch wie eine Unterhaltung. Teju Cole liebt Menschen und das spürt und liest man vom ersten Augenblick an.
„Open City“ von Teju Cole, 2011 bei Suhrkamp Insel Bücher erschienen. Übersetzt von Christine Richter-Nilsson.

Ich freue mich abends auf das Lesen und lasse morgens die Zeitung links liegen, weil ich lieber ‚mein‘ Buch zum Kaffee will. ‚Das Schiff‘ von Andreas Brandhorst war klasse, aber funktionierte eben morgens für mich nicht so gut.

Man folgt den Gedanken und Begegnungen des Ich-Erzählers Julius gerne, weil die Attitüde des Erzählens einen ruhig und unaufgeregt mitnimmt. Es ist ein bisschen wie zu zweit spazieren gehen, was der Ich-Erzähler auch im Buch tut, allerdings allein. Auf seinen zielgerichteten Spaziergängen durch New York begegnet der Erzähler den Menschen, in echt und in Gedanken.

Trotzdem existiert, eben wie bei einem Spaziergang die Einladung abzuschweifen, einen Moment inne zu halten. Man merkt beim Lesen, dass man eine eigene Geschichte hat und trotzdem immer wieder in die Geschichte des Anderen reinkommt. Selbst, wenn man ein paar Seiten zurückblättern muss, macht das Spaß, fühlt es sich an, wie eine Einladung zum Denken.

Teju Cole schreibt, irgendwo am Anfang etwas, – ich will nicht spoilen- über die Sprechstimme als Träger von Erzähltem und schlägt vor ab und an den Text mal laut zu lesen. Ich lese das Buch nicht immer laut, bei Weitem nicht. Ich habe es allerdings in ein paar Passagen porbiert. Eine Erfahrung, die ich vom Vorlesen für die Kinder ( zur Zeit z.B. ‚die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär‘) her kenne, aber nochmal wirklich abgefahren finde, wenn man es sich sozusagen selber macht.

12.04. … 10:45
Cole’s Ich-Erzähler bummelt hierhin und dorthin durch die Straßen New Yorks. Er trifft auf Menschen, Individuen, deren Geschichte er in Beziehung zu seiner setzt. So hebt er den Menschen heraus aus der Masse und schreibt ein feines Bild des menschlich Seins über alle Rassen, Staaten, Grenzen und vor Allem über die Geschichte hinweg.

In einem Park voller Menschen erlebt er einen Moment, der zu allen Zeiten so hätte passieren können. Aufgehoben sind Zeit und Ort. Es bleibt der Mensch.

14.04. … 16:58

Trotzdem ist es irgendwie ein junges Buch. Es scheint mir, als sei Cole noch ein Stückchen von der zweiten Pubertät entfernt. Seine Eindrücke, Sätze und Erkenntnisse sind frisch und begeisternd aus sich selbst heraus. Die gewisse Abgeklärtheit und Langeweile eines vierten und fünften Überdenkens fehlt ihnen. Das liegt möglicherweise daran, dass der Ich-Erzähler Julius nur beschreibt. Ich kann mich nicht an großartige Bewertungen oder Analysen im Buch erinnern. 

Der Text fliest dahin und man möchte mit Herrn Cole weitergehen durch den Schmelztigel New York, durch die Geschichte und durch sein persönliches Leben. Das Thema verdichtet sich ganz allmählich und ohne das man es wirklich merkt. Aber irgendwann ist es klar. Es geht um den einzelnen Menschen in seinem gesamten kulturhistorischen Bezug. Das was da bei jedem Einzelnen übrig bleibt, verbindet uns als Gattung.

Die Kontinente auf denen sich die Beziehungen von Coles ‚Menschen‘ verdichten spannen ein Dreieck zwischen den Staaten, Afrika und Europa. 

15.04. … Sonne, Sonntag, 09:45

Ich habe Zeit zu lesen und fühl mich angenehm – sinnvoll – müßig mit ‚Open City‘. Jeder einzelne individueller Charakter ist aktiv und passiv, Opfer, Täter, handelnder und beobachtender zugleich. Die Form des Erzählens, bringt mich trotz der gewissen Nachdenklichkeit einfach gut drauf.

Als anregendes Bonbon empfinde ich die vielen Lese- und Musiktips im fließenden Text. Sie erinnern mich an einen Blogg. Das gefällt mir, dass etwas über das Buch hinaus passiert bzw. bleibt. ( Ich habe mir auf Grund des Tipps von Teju Cole vorgestern das Album ’Somethin’ Else’ von Cannonball Adderley runtergelassen und es läuft seit dem fast ständig. (Mahlers 9te werde ich sicher auch die Tage nochmal hören)) 

Vielleicht idealisiere ich ‚Open City‘ ein wenig, aber ich meine am Ende schaut Cole über den Tellerrand des Menschseins hinaus und relativiert so nochmal ganz schön den Ausschnitt des Seins, der Seienden dieses Buches. Es hat etwas wohltuend Bescheidenes, dass er auch damit, sich, seine Texte, sein Buch relativiert.

2017.04.10 – Lesetagebuch #5 – Joshua Cohen – Solo für Schneidermann II


Fortsetzung von:
https://geistzeitraum.wordpress.com/2017/03/22/2017-02-28-lesetagebuch-3-joshua-cohen-solo-fuer-schneidermann/     

Oh, was ärgere ich mich über dieses Buch. 

(Was auf alle Fälle auch eine emotionale Reaktion ist. Aber das ist schon lange her, dass das reichte, um als Kunst zu gelten.)

Das Icon oben soll nicht unbedingt ausdrücken, dass ich kotze, sondern vielmehr andeuten, wie anstrengend es ist Joshua Cohens Protagonist Laster beim Abkotzen zuzuhören.

Was soll das sein? Jüdischer Punk im intellektuellen Gewand ? Ne !

Ich habe Joshua Cohens „Roman“ noch einmal hervorgeholt, weil ich eigentlich alle Bücher zu Ende lese, die ich bis zu mehr als einem Drittel gelesen habe, weil ich es überheblich finde, über ein Buch zu schreiben, dass man nicht zu Ende gelesen hat. Aber ich habe nur 20 bis 30 Seiten weiter geschafft.

Nach „Das Schiff“ von Stefan Brandhorst, der seine Leser offensichtlich mag, war „Solo für Schneidermann“ noch einmal mehr ein Schlag ins Gesicht. Mag Joshua Cohen überhaupt seine Leser ? Was ist das für ein Egotrip, der da in Amerika ein Publikum gefunden hat. Ich bin wirklich für alles offen, aber bei solch einem nicht-mehr-konstruktiven Rumgemecker entdecke ich auch keine erzählerische Kunst mehr, von gesellschaftlicher Relevanz ganz zu schweigen. Das ist einfach nur gequirlte Kacke, in der Form, in der Sprache, in der Arroganz, in der Attitüde und beim Inhalt weiß ich gar nicht, wo da die Grenze ist.

Oh Mann! Der geneigte Leser mag mir bitte verzeihen so eindeutig entnervt zu sein, aber ‚Solo für Schneidermann‘ wird zu den wenigen Büchern gehören, die ich nicht zu Ende lesen werde.

P.S.: Ich habe mir zum Trost, vor ein paar Stunden Teju Cole’s ‚Open City‘ geholt und schon Einiges gelesen. Mann! So geht es auch Herr Cohen!!!

2017.03.22. – Lesetagebuch #4 – „Das Schiff“ von Andreas Brandhorst

Der Roman Das Schiff‘, von Andreas Brandhorst, ist in dem Verlag Piper erschienen und spielt mit dem Gedanken, was technisch mit dem Bewusstsein alles so möglich ist, – unabhängig vom Körper. Gleichzeitig wird von Brandhorst ein Spannungsfeld konstruiert, welches im Gegensatz von Sterblichkeit und Unsterblichkeit schwingt.

Sprachlich begeistern mich anfangs solche Begriffe, wie Ratio-Kondensat für die Denkleistung eines MFVs, eine MultiFunktionsVehikels. Das sind Konstrukte, bei denen ich mitkomme und zudem schmunzele, obwohl ich kein Sciencefiction-Fan bin. Bei diesem Buch aber werde ich abgeholt, komme ich mit.

Amüsant auch die Relativität von Zeit, die entsteht, wenn es in einer Welt, auf Grund zufälliger Unterschiede, sterbliche und unsterbliche Menschen gibt. Es entstehen verschiedene Dimensionen von Lebenszeit.

Schön auch die Idee, das einige KI-Maschinen sich so programmieren können, das sie empathisch fasziniert davon sind, dass wir nicht nur die Summe unserer Einzelteile sind. Ein gravierender Unterschied.

Es tauchen plötzlich Fragen auf, wie es wäre, wenn die Maschine die Krönung der Evolution wäre. Ist sie womöglich lernfähig genug zu erkennen, dass wir nur gemeinsam stark sein können, Mensch und Maschine. Ein spannendes Thema und ich verklebe mir mal den Mund/die Tastatur, damit ich am Ende nicht noch spoile…

Letztlich ist es die Liebe, als menschliche Qualität die zum Finale führt.

02.04. Sonntag 

Ich habe endlich mal wieder viel Zeit und mein Plan ist es, dieses tolle Buch zu Ende zu lesen.

Wie schon gesagt, ich bin kein Science Fiction Fan und ich habe meine Schwierigkeiten mit den Bildern aus der Zukunft, aber die Haupt-Ideen des Buches, das Bewusstsein vom Körper trennen zu können und die Auseinandersetzung mit Streblichkeit/ Unsterblichkeit halten mich begeistert bei der Stange.

Die futuristischen Bilder sind so frei wie möglich gehalten, ich kann sie beim Lesen so erdnah wie möglich malen und werde nicht gezwungen, mich in Details zu verlieren.

Schön auch das Thema Sterblichkeit mit dem Ende der Geschichte zu verknüpfen. Das Lesen macht nicht unbedingt fröhlich, aber es fesselt.

Trotzdem lese ich zur Zeir lieber wieder die Zeitung zum Frühstück und nicht ‚mein‘ Buch.

Brandhorst funktioniert für mich tatsächlich eher zum Abend hin. Weiß nicht, warum ich das so schreibe.

Klug gewählt die Figur des Protagonisten Adam und seine Entwicklung. Vielleicht ist dies das fesselnde des Buches für mich. Ich kann mich sehr gut in Adam einfühlen, obwohl ich aus einer fernen Vergangenheit komme.

Ebenso gefällt mir die Feinsinnigkeit, mit der die Überlegenheit der menschlichen Intuition gegenüber aller denkbaren KI gezeichnet wird. Die Geschichte ist spannend konstruiert, trotzdem muss man sich zu keinem Zeitpunkt mit überflüssigen Horrorbilderb kasteien.

Bemerkenswert finde ich, dass sich ab und an das Lesegefühl und die Bilder vermischen mit den 13 1/2 Leben des Kapitän Blaubär, welches ich zur Zeit meinem 8 jährigem Sohn vorlese. Das ist ein Kompliment! Es bedeute, dass ich die Phantasie und Kreativität hinter dem düsteren Schleier der Vision entdecke.

Und dann endet die Geschichte ganz plötzlich mit einer Friedensbotschaft, weit hinausreichend von der Vergangenheit bis hinaus in eine denkbare Zukunft. Ein absolut empfehlenswertes Buch.