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Das Sonntagsbier

November 23, 2014

Das Sonntagsbier

Die Flasche, aus robustem Glas, die das Sonntagsbier in sich bewahrt, wie der Kühlschrank die Kühle, setzt kurz nach Mittag mit einem verhaltenem, doppelten Klick-Klack-Geräusch auf die Tischplatte auf;
wie der schwere, müde Stiefelschritt eines Killers vor der Tat-.
Ort: Küche

Fast mädchenhaft, mit kleinen geschwungenen Schultern und einem schlanken Hals repräsentiert sie die platonischen Idee einer Flasche.

Das braune Glas wirkt im trüben Licht des Novembers dunkler, fast wie das Braun einer Kastanie.
Edel gehaltene Etiketten be-inseln die glatte, kondensierende Kühle.

Im künstlichen Licht glänzen goldene Linien auf dem Braun,
ein ritterliches Wappen prangt auf weißem Grund seit 1803.
Schwarze Schrift verspricht ‚Natur‘.

Der klar umrissene, kurze Ton beim Öffnen der Flasche passt nicht so recht zur regnerischen, verschwimmenden Mittagsruhe.

Helles Ausatmen, nach langer Haft, … Etwas weniger als ein munteres Zischen, bevor der goldene Korken, einer klitzekleinen Krone gleich, auf dem Tisch tanzt,
klirrend,
um dann abschließend auf den Rücken zum Liegen zu kommen,

fast wie ein Guitarrenriff, an dem man sofort das Lied erkennt.

Dieses Lied führt in der Regel den Hals an meinen Mund und klingt sonntags, am Mittag oft ein wenig wehmütig,
wie Zigeunermusik auf einer Hochzeit ohne Gäste.

Bevor die ebenmäßig runde, relativ kleine, … zerbrechliche Öffnung im Kragen des Flaschenhalses meinen Mund erreicht, stellt mein rechtes Auge auf den sich neigenden Schaumteppich, im Inneren der Flasche scharf.
Eigenartige Verzerrung der Dimensionen, …
wie ein Blick in die Tiefe.

Langsam den Neigungswinkel zum Mund verringernd, lege ich den Kragen des Halses auf meine Unterlippe. Es fühlt sich tatsächlich an wie ein vorsichtig fester werdender Kuss.

Die Oberlippe erwartet sehnsuchtsvoll ersten, feuchten Kontakt.

Die Zungenspitze taucht ein, in die schäumende Woge des ersten Schlucks und lächelt über die feinen und feinsten Perlen, die so freudig kitzeln.
(Kein Vergleich zu den grobschlächtigen Blasen einer Cola z.B.)

Die wilde Spitze schiebt das Nass über die Zunge.
Kurze Kindheitserinnerungen an Malz und Süße auf der Zunge, bevor sich im Rachen das Herbe entfaltet, welches nun mal den Geist des Alkohols bestimmt,

dessen Genuss man sich erst durch Konditionierung nahe bringen muss.

Der Geist, der meinen Geist dazu veranlasst mich, hier an meinem Tischchen durch eine Lupe zu betrachten,
mich gefangen hält im ‚Brennglas eines halben Liters.

Der Geist, der im Einklang ist mit dem Regen draußen, mit der grauen Lichtlosigkeit, mit dem Brummen des Wäschetrockners im Zimmer nebenan.

Der Geist, der jetzt ein Mittagsschläfchen hält, um danach mit einem Espresso andere Geister zu beschwören.
Sonntagmittag,
Sonntagsbier.

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