Zum Inhalt springen

Besuch im Altenheim und Gedanken zu Beuys ’sozialer Plastik‘ im Kopf

Juni 7, 2015

In der Peripherie  liegt ein beachtliches  Potential:
Begrüßung eines blauen Trainingsanzugs unter großer Freude aller Beteiligten.
Angehörige: Frau, Tochter, Schwiegersohn, Enkelkind.

 

Der Schnitt des Anzuges, bzw. die Art den Reisverschluss der Jacke bis ans Ende zuzuziehen, erinnert an den Stil der Menschen, die in den Siebziger Jahren Trimm-dich-Pfade bezwungen haben.
Das immer noch propagierte Konzept schließt  dasjenige menschliche Handeln mit ein, das auf eine Strukturierung und Formung der Gesellschaft ausgerichtet ist. Bitte kein Chaos.
Auf die Plätze, fertig, – das ‚los‘ ein wenig verpasst.
Betrachtung des Ergebnisses:

 

Helles Licht hinter den Glaswänden macht aus den Silouetten der Alten am Eingang Scherenschnitte.
Gegenlichtaufnahmen verbergen in der Regel alle detaillierten Wahrnehmungen in einem tiefen, mehr oder wenig scharf umrissenen Schwarz.
So verschwindet ein ganzes Leben, wobei der Schatten den Bewohnern einen Vorteil gegenüber den Ankommenden  gewährt.
Deutlich wird hier, dass das Atelier zwischen den Menschen liegt, liegen kann oder liegen wird.
Gleich einer sozialen Plastik amüsiert sich eine 

aufgeweckte Greisin in der Sesselreihe, ihre Nachbarin anstoßend, über die Anrede „Altes Haus.“
Ich kann sie mir gut, in der Vergangenheit hinter der Theke einer kleinen Eckkneipe vorstellen.
„Micha, noch’n Bier?!“
Acht andere Schweigen.
Kann mir diese gut in einer katholischen Kirche vorstellen, zumal dies alles in Münster (Westf.) Gestalt annimmt.
Eine Gestalt gesamtgesellschaftlicher Formen und Zusammenhänge, losgelöst von den Vorstellungen des Individuums.
Eine Gestalt, in der jeder als Künstler in seinem Leben gefragt gewesen wäre, in der alles unter dem Anspruch eines Kunstwerkes gesehen hätte werden können.
Opa hält seine jüngere Tochter überraschend lange im Arm. Ein Teil seines Kunstwerkes. Ein sicheres Erinnern huscht über sein Gesicht, Achtung und Akzeptanz gegenseitig. Ein kurzer Moment Gestaltung.
Sie war der Junge, mit dem er wesentlich unkomplizierter umzugehen gewusst hätte, meinte er vielleicht, als er noch schlüssiges Denken zugelassen  hatte. Jetzt verhält es sich weniger greifbar.
Ihm hat schon immer die revolutionäre Kraft der Kreativität gefehlt, was die eigentliche Triebfeder meines Mitleides ausmacht.
Rückzug mit ihm in eine versteckte Sitzecke mit karminroten Ledersesseln, gute Übersicht über die Eingangshalle garantiert. 
Tageszeitungen werden korrekt gefaltet, der Hund gestreichelt. Kinder spielen an ihren Handys, dem Opa wird zugestimmt.
Zustimmung hatte er sich früher immer erkämpfen und manchmal erleiden müssen. Es gab getrennte Schlafzimmer, schon früh, obwohl das wiederum individuell zu bewerten ist. 
Dabei bleibt der Mensch doch auf der untersten Stufe ein Naturwesen.
Darüber hinaus ist er ein Gesellschaftswesen und, leck mich am Arsch, am Ende ist er ein freies Wesen.
Frei, frei, frei, Verantwortung zu übernehmen.
Der Urinbeutel des Katheders ist voll, dafür will er keine Verantwortung übernehmen. Ein Pfleger kommt und geht mit Opa, überraschend schnell.
Ebenso schnell kommt Opa wieder zu den Angehörigen in die Sitzgruppe.
Schnell drängt sich einem der Geschmack von lieblos geschmierten Leberwurstbroten und roten Tee auf.
Einer sitzt da, sagt allen und immer wieder „Guten Tag“.

Platziert, direkt an der Tür, wie eine „Guten Tag“- Maschine  der Einrichtung. Eine fragwürdige Inszenierung.
Interessant wäre eine Videoclip nur mit den Reaktionen der hereintretenden Menschen, den Alten selbst herausgeschnitten.
Individuelle Attitüden fänden sicher einen  wohltolerierten Ausdruck,

wie z.B. das distanzlose  hinterherzischen einer Senilen im Café. Diese entwickelt ihre ganz eigene Ästhetik.
Akzeptabel im Meer der Begleiterscheinungen jeder menschlichen Tätigkeit, ( wie z.B. Furzen).
Zu offensichtlich der plastische Ausdruck ihrer Demenz, besonders in den Zähnen. Der Ehe-Mann glatzköpfig zu Besuch, offensichtlich gelöst, offensichtlich von einer langen Bindung, einer Anstrengung.
„Zssssssss“, immer wieder, jetzt hinter dem Hund her.
Schnappschüsse: 
– Der Zivi eine Idee zu smart, in seinem rot kartiertem Hemd, sehr auf eine korrekte Erscheinung bedacht.
– Der Alte auf einem der hinteren Gänge der ständig gegen die geschlossene Tür wiederholt „ist denn keiner da?“
– Die Alte, die schweigend, zumindest 1,5 Std auf die selbe Seite einer Illustrierten starrte.
(Möglicherweise erfreut sie das verschwommene Arrangement der Typographien von Überschriften und Kommentaren, erinnert an vor ewigen Zeiten und gerade gestern Gelesenes.)
– Fühlen als plastizieren.
– Die emaillierten Poster längst vergangener, vergammelter, verrosteter, verschimmelter und verwester Konsumartikel, – überholte Innovationen -, bilden eine Galerie des Unwiederbringlichen.
– Motorroller an See, Mädchen die Petitcoats tragen, junge Männer in Anzügen, Musik ohne Synthesizer. 

Auf einem Teller liegt das kleine, rechtmäßig zugestande, im Preis inbegriffene Stück Kuchen, – nur an dem Plätzen mit den roten Servietten zu bekommen, da die anderen schon für das Abendbrot eingedeckt sind.
Die Dinge sind hier geordnet, doch philosophische Praxis ist keine Technik, sondern eine Kunst.
Mir kommen seltsamerweise wieder lieblos geschmierte Leberwurstbrote in den Sinn, gegebenenfalls mit einer kleinen Gürkchenhälfte, weil Feiertag ist und das Gürkchen dem ein wenig Gestalt gibt.
Überall ist Licht.
Noch.
Opa weint regungslos, unfähig die Hand der Tochter zu greifen, dies wäre eine unvorstellbare Bewegung hin zur Nähe.
Alles kommt aus dem Chaos und würde durch Bewegung zur Form gebracht. Auch der unbändige Wunsch getröstet zu sein für die letzten 84 Jahre. Eine unglaubliches Bewegung zur Vollendung des Werkes.
Die alten Damen spielen ein überdimensioniertes Mensch-ärgere-dich-nicht. Letztlich Würfeln die anderen nur und eine setzt die Steine. Sie spielt verlässlich ehrlich.
Draußen vor der Tür drängen sich Dialoge auf.
Denken bedeutet Freiheit.
Dialoge, als parallel laufende Monolge.
„Ich kann ja nicht viel sehen, aber dass der Himmel blau ist, seh ich“, eine gut gepflegte ältere Dame, „Jetzt ist Schluss mit allem.“
Der smarte Zivi stimmt wissend zu.
Nichts weißt du, du Schnösel, auch wenn du mich freundlich fragst, ob ich etwas trinken möchte.
Blickkontakt zu der Dame im Garten, wird dennoch unsicher abgebrochen. Wieviel Verzicht in wieviel unsicheren Augenblicken eines Lebens, wieviel Verzicht auf Gestaltung.
Denken ist bereits eine viel zu schwer zu gestaltende Plastik.
Wievieler Plastik bedarf es eigentlich für Zufriedenheit, die Alten wollen mir nicht antworten, obwohl sie könnten.
Abschied löst bei Opa Tränen aus. Er bräuchte mal wieder eine ernsthafte Nagelpflege. 
Wie wenig war er sich eigentlich damals Wert, dass  er nie seinen Nagelpilz in den Griff bekam? Die Antwort kann nichts mit Generationen zu tun haben, Welchem Aspekt seines Lebens wollte er damit Gestalt verleihen? Eine Antwort wird nicht mehr plastiziert werden können. 
Schweigen die ersten zwanzig Schritte zum Parkplatz. Dann ist wieder alles gut. 
Gedanken wirken in der Welt unter Umständen natürlich viel vehementer als eine Plastik, die nur ein Abbild sein kann.
Perfektion wäre Stillstand.
Empathie löst sich auf in einem Meer aus befreienden Sinneseindrücken.
Opa wird sich schon bald wieder einfinden. Er trägt eine Mitverantwortung für das was jetzt ist. Alles anderer zu postulieren, wäre letztlich menschenfeindlich.
Da,
da ist ein Solidaritätscamp für die Flüchtlinge aus dem Mittelmeer.
Heimweg. 

Kommentar verfassen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: