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Europäische Medienkunst im Tiefenrausch

Juni 7, 2015

In fragiler Anordnung sind die Dinge des Alltags gestapelt.

Finde mich im Tiefenrausch wieder, wiedermal,
wieder Bedeutungsverschiebung.
Vaginale, dezent rot-gelb, orange, langstielige Calla, einzeln in einer zylindrischen Vase, zusammen mit einem schmalen, farnartigem Grün direkt links vor mir auf dem Brett der kleinen Bar.
Das ist eine Aufforderung,

ein unerwünschter Akt der Subversion:

Vor mir das Objekt als Gegenstrategie zu einer doktrinären Wirklichkeitsvorstellung:
Die Theke,
als ein lang gezogenes Siebeneck zieht sie sich weitläufig durch die kleine Afterworks Bar, von mir aus gesehen ca. 10 Meter nach rechts und 3 Meter nach links.
Von dort aus schließt sich ein kleines Separet von ca. 20 m2 an.
Nach rechts gruppieren sich, hinter dem Rücken derer die an der Theke sitzen, Zweiertische, entlang einer bis zum Boden reichenden Fensterfront.
Die Dinge entwickeln sich langsam. Eine Szene gleitet in die nächste über.
Von meinem Platz aus kann ich fünf weitere Personen an der langen Theke ausmachen, alle rechts von mir.
Dabei sind Grenzüberschreitungen und Tabuverletzungen Ausdruck des jeweiligen Zeitgeistes. 
Mir Gegenüber, am weitesten entfernt, halb verdeckt durch das orange beleuchtete Regal, in denen sich die Flaschen, mit den Rausch versprechenden Elexieren befinden, sitzt eine Frau, mitte 40.
Wer noch weiter rechst von ihr sitzt kann ich nicht erkennen. Sicher ist, das sie sich mit jemandem, oder welchen unterhält, am Scheitelpunkt der Bewegungen, kurz vor dem Zusammenbrechen.
Ein paar Meter links von ihr sitzen zwei junge, gepflegt Bärtige, wahrscheinlich Studenten.
Ihre Bärte: im Alltag und in der Kunst durchzitiertere Kulturfolger, von der Kultur verfolgt.

„Wenn deine Mutter das so möchte, was soll das denn dann ?“, hinter mir am Tisch, drei zufällig vom Shoppen Hereingetragene: Zwei Frauen, ein Mann, alle drei über 50, sonnenstudiogebräunt und im flüchtigen Blick zuviel Gold tragend.
Verstörender Humor.

Es stellen sich Fragen nach Normalität und Eindeutigkeit.
In diesem ungegenständlichem Gitter werden Worte bedeutungslos und belanglos.
Schwarz, weiß und grau.

Fein gesprenkelter PVC-Boden im Marmorimitat.
Die Barhocker massiv, vintage, mit braunem, klassischem Lederkissen.
70’er Jahre Hängelampen zylinderförmig, im orangen Lavadesign ziehen sich fein säuberlich im Abstand von ca. 1,20 m entlang der Theke.
Exit Art.
Die Notwendigkeit, Vergangenes in der Erinnerung lebendig zu halten.
Die Bedienung hinter der Theke, wasserstoffblond, kurz geschnittener Pony. Sie könnte in einem alten Jim Jarmush Film gut in einer Bar wie dieser, eine Bedienung wie diese spielen.
„Ein Heim ist nicht zwangsläufig ein Zuhause und andersherum.“
Wenn sie näher kommt, verraten ein klein wenig zu viele Sommersprossen um ihre Nase herum, dass sie lange nicht so cool ist, wie ihr Alltagsavatar darstellt.
Laut klackert sie mit der Eisschaufel durch die Eisbox hinter einer massiven Kühlschranktür.
Mit ihrem kühnen, naiv-frechen Blick zeigt sie die existentielle Fragestellung eines nichtexistenten Wesens. Wie wird ein Objekt zu einem lebenden Ding ?
Zwei junge Mädchen um die zwanzig, setzen sich an einen Zweiertisch am Fenster, bestellen Cola,

Afri Cola.
Diese Variationen beziehen sich auf verschiedene Strategien Frau werden zu können.
Links von mir hängt ein sehr altes Schulplakat, wahrscheinlich aus den 50er Jahren, über Atomkernspaltung. Das war eine Zeit, in der das alles dem Reich der Imagination angehörte. Rechts zwischen den Fenstern ein Blechschild von Martini.
Wie leben?

Diese Frage der menschlichen Existenz, eine verführerische Animation aus Wasserfarben.
Die Frau um die 40 mir gegenüber, halb verdeckt durch die Regale der Bar sieht müde aus, sie raucht und trinkt Bier aus einem großen Glas.
Sie eignet sich nicht als Performance Generator.
Vor dem Fenster treffen drei Straßen aufeinander, Fußgängerzone, Außenbezirk.
Zwei sehr junge Lesben, mitte 20, stehen vor dem Geschäft gegenüber. Eine legt der anderen sehr vorsichtig und zärtlich eine Halskette aus Leder um.

Dieser ist die Szene, die Öffentlichkeit, die offensichtliche Intimität und Liebe der Berührung, der angedeutete erotische Moment peinlich.
„Ich verdiene gehört zu werden.“
Sie weiß, dass ich da bin und ihr zuschau. Jeder Schritt, jedes Wort, jeden noch so kleinen Laut nimmt sie wahr und wenn es dunkel wird, verarbeitet sie in ihren Träumen die Erlebnisse des Tages als humorvolle Darstellung des mittleren Ostens.
Einer der Bärtigen ist in der Zwischenzeit gegangen. Der andere beugt sich zu einem komischen Bogen und neigt seinen Kopf einer Zeitschrift auf seinen Knien entgegen.
Erinnerung, Fantasie und der Körper waren schon immer zentrale Themen.
„Ja die wissen sowas im Baumarkt. Hey ehrlich.“, tönt es hinter mir, von den zu Goldenen aus dem Sonnenstudio.
Verlasse die Komfortzone des reinen Betrachtens.
70 Jahre Soul verbreitet sich im Hintergrund. Gerade steigert sich ein psychedelisches Guitarrensolo ohne wirklich aufdringlich zu werden.
Der andere Bärtige kommt nicht wieder, er spielt eine Fake-Strategie.
Das älter Pärchen hat sich noch zwei halbe hinstellen lassen und befindet sich mittlerweile in einem fiktiven Registrationszentrum.

Eine der beiden jungen Mädchen vom Zweiertisch links, zündet sich eine Zigarette an. Anspruchsvoll gestylt, aber trotzdem die Billigere von beiden. Sie redet nicht über eine internationale Kapitalverschiebung.
Links, ganz hinten, hängen, in einer Art Separet, großformatige, schwarzweiße Photos, afroamerikanischer Models aus den 70ern, in Großaufnahme.
Obwohl alles Retro ist, wirkt es authentisch abgerockt und liebevoll zusammengestellt, semi-natürlich, eine zunächst kaum wahrnehmbare, später sich verstärkende Aura umgibt die Menschen, hier im Raum.
Sehe in der Stadt seit vierzig Jahren immer wieder die selben Gesichter, glücklose und etwas kummervolle Vertreter für Scherzartikel.
Eins dieser Gesichter, männlich, taucht auf und spricht die halb Verdeckte mir gegenüber an und geht zwei Minuten später wieder,

bewusst dilettantisches Stilmittel.
Die Frau wirkt total genervt. Spuren davon schon eingegraben in das alternde Gesicht,

eine zunehmend prekäre Lage.
Ein Bewegungsbild völlig abseits der ursprünglichen Funktionalität.
Das Agieren und Reagieren im Sinne von Relationen entsteht nicht durch direkte Ähnlichkeiten, sondern wird eher in unseren menschlichen Gefängniskulisse ausgelebt.
„Ja! Dann machst du das so voll in Arsch, so!“, die Sprache des Paares wird flapsiger und lauter.
Der Bärtige hustet mehrmals hintereinander laut. Durch diese Reduktion auf die Mechanik werden abstrakte Vorgänge in Gang gesetzt, die eine befreite bildhafte Wirkung entfalten.
Die Mädchen unterhalten sich über Lehrer und Klausuren. Insbesondere die Billige präsentiert sich in der Art einer Tutorial-Clip-Serie und gibt sich Antworten auf Fragen, die nie gestellt wurden.
Ohne um Erlaubnis zu bitten fluten die Leute draußen etappenweise aus verschiedenen Richtungen heran. Verschiedenste Ausprägungen der Schöpfung schaffen einen absurden Kontext, der preiswürdige Kunstwerke mit normaler Strassenkultur verbindet.
Einer um die 20 bremst rasant sein Skateboard vor der Tür;
dabei handelt es sich um ein absurdes, temporeiches und anarchisches, soziales Handeln.
Die Mädchen vom Zweiertisch: „… das ist doch eine sozialpädagogische Schule …“
Dem Betrachter fällt in Halbbildern eine Welle entgegen.
Ganz langsam schiebt eine Mutter einen Buggy an der Fensterfront vorbei. Beide bieder, beide lila, im Format eines Verkaufskanals.
„Der Wunsch nach Intimität in der öffentlichen Sphäre“ zum Super-Sonderpreis von 9,99 €.
Der Skatboarder hat einen European Media Art Festival -Pass um den Hals.
Die Frau des abgebrockten Paares steht auf. Sie stellt sich an die Wand und kratzt sich den Rücken. So weit entfernt von der eigenen Sozialisation, denn nichts ist so beständig wie Veränderung.
„Erwerben kann man etwa in einem Dokumentarfilm mitzuwirken.“
Das, was die Frau hinter der Theke so besonders macht, ist dass sie ihre Nase ein wenig hoch trägt.
Das passt zu einer blonden Nofretete, um die Mitte der Vierziger. Ihr Style ist eher upperclass, nicht wirklich H&M, obwohl es das doch grundsätzlich ganz gut beschreibt, ‚Grown up‘ eben.
Einzig die Pflanzen geben noch einen Anschein von Bewegung.
Man kann erkennen, das ihre Brüste unter dem hellgrünblauem T-Shirt ein wenig hängen. Nur ein wenig. Insgesamt wirken sie genau so klein und frech wie ihre Nase.
Sie bietet ihre Koketterie an, wie Straßenverkäufer ihr illegalen Hollywood-Blockbuster Kopien.
Der Zweiertisch redet mittlerweile über „Jannick und seine Lebensweisheit“. (Mitte 20)
Die eine raucht ihre zweite Zigarette und zappelt mit ihren Beinen, bzw wippt, mit untergeschlagenen Beinen, mit dem Linken ihrer Füße, wodurch ihr ganzer Unterkörper in Bewegung gerät, während der rechte Fuß ganz fest an PVC klebt. Dieser Zusatz verwandelt das Schuhpaar in ein performatives Objekt.
Das Mädchen wirkt wie eine handelsübliche Mikrowelle, die aus ihrem funktionalen Zusammenhang gelöst wurde.
Die andere sitzt die ganze Zeit ganz ruhig, konfiguriert und verpackt. 
Sie hat bescheiden die Füße nach außen gedreht und an den Stuhlbeinen hochgestellt, dabei presst sie ihre Oberschenkel fest zusammen.
Zurück auf dem Boden grübeln verschiedene Seiten der Persönlichkeit des Neandertalers über die Natur ihres Seins nach.
Dass die Kirche dabei die von ihr Jahrhunderte lang geformten Bildmuster reproduziert, ist dabei nicht verwunderlich.
Ich versuche durch soziales Handeln die realen Bedingungen zu verändern und bestelle mir noch ein helles Hefeweizen.
Verlasse danach das Tiefenrausch.

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