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Nackt vor dem Spiegel

August 21, 2015

Kennen Sie diesen Moment kurz vor dem Aufstehen, in dem Sie sich, schlecht gelaunt nicht vorstellen können, dass dieser kommende Tag noch ein guter Tag werden könnte? Und wie diese Unlust auf der Stelle verfliegt, wenn Sie dann doch endlich aufstehen? 
Oft, glaube ich, dass es die Stimme meines Körpers ist, die diese schlechte Laune verbreitet, die sich über zu schweres Essen, zu viel Alkohol und ja, über Zigaretten beklagt. Hinzu kommt das noch konkurrenzlos  agierende Unterbewusste, welches To-Do-Listen entstehen lässt und moralische Bewertungen ins Spiel bringt, über das, was einem von gestern noch dämmert.
Sobald ich die Decke zurückschlage und mein wach werdender Geist die Führung übernimmt, ist der Missmut eindeutig auf dem Rückzug. Für mich ist das ein erstaunliches Phänomen.
Ich liebe diese Jungfräulichkeit eines freien Tages, besonders, wenn ich so wie heute alleine in dem Großen Haus bin. Es ist Sommer, sonnig und die Dinge können sich störungsfrei von Einem in das Andere ergeben.
Eine Tätigkeit scheint die Bedingung für die nächste zu sein, das Anziehen der Socken für das Kochen des Kaffees. Dieser ist die notwendige Bedingung für das Lesen (und Rauchen). Wenn diese liebgewonnene Gewohnheit befriedigt ist, erst dann erlaube ich mir ein kleines Frühstück. Dieses stellt die Bedingung für den Gang zum Klo dar. Erst dieser Gang ist oft die Legitimation für einen kleinen Joint.
Hier ist Vorsicht geboten. Der Gang zum Klo kann, bei mangelnder Inspiration, mangelnder Muße oder zu viel Kindergeschrei dem Tag die Jungfräulichkeit rauben, gerade und explizit an einem Sonntag, was an dieser Stelle viel zu früh wäre.
Nicht so heute. Erst am Nachmittag erwarte ich weitere Menschen. Bis dahin werde ich nur mir in meinem Dunstkreis begegnen. Der Plan ist vor Allem ausgiebig Spa zu betreiben (inkl. Sauna) und soviel und so zu Schreiben, dass ich hinterher zufrieden bin. 
(Zwischendurch sind noch ein paar Kleinigkeiten zu erledigen. (Ein Korb Wäsche zusammenlegen, Küche aufräumen, Müll rausbringen, Hund bewegen.))(4)
(4) Draußen auf der Terasse liegt ein Apfel. Die kleinen Kinder haben gestern ein kleines Loch von etwa 3 bis 4 cm in die Hülle geknabbert und ihn als Teil einer Wespenfalle mit Plastikkästen verbaut. Jetzt, 24 Std. später, zähle ich ein Gewimmel und Gebrumme von etwa 60 bis 80 Wespen in einem fast gänzlich ausgehöltem Apfel. Das Gesumme erzeugt Gänsehaut.


El, die Prinzessin hat erzählt, dass jetzt die Zeit ist, wo die Königinnen allein in den Stöcken verbleiben und überwintern. Das gemeine Volk hat seinen Dienst getan, das gemeine Volk kann gehen und sterben.


Der Apfel wird zur paradiesischen Henkersmahlzeit.


‚Gut das mein Dienst noch eine Weile gefragt ist und in dieser Wabe eine Prinzessin die Königin ist‘, denke ich und stelle die Waschmaschine an.

( 40 Grad, Buntwäsche.)



Obwohl mein Körper schon anfängt mächtig zu protestieren gönne ich meinem Geist noch eine weitere Zigarette, die vierte, nach dem Klo, nur um den Tagesmoment des Noch-nicht-begonnen-Habens ein klein wenig weiter hinauszuzögern. Dem Körper verspreche ich hoch und heilig, dass ich dafür den Rest des Tages freundlich zu ihm sein werde.
Nebenbei lade ich mir noch das Buch ‚Lust und Freiheit‘ von Faramerz Dabhoiwala runter. In dem Buch geht es um eine neue Deutung der Geschichte der Sexualität, vom viktorianischen Zeitalter ausgehend. (9)
(9) Ich weiß gar nicht warum mir solche, spontanen Buchkäufe via Handy solch einen sonntäglichen Genuss verschaffen.



Jetzt ist es eine unbestreitbare Wahrheit, der Tag hat begonnen. Man spürt das. Ich habe Geld ausgegeben.
Oben, im Schlafzimmer ist es noch dunkel. Nur wenig Licht dringt durch die kleinen Löcher zwischen den Rippen der Jalousie. Das riesige Bett auf meiner Seite zerwühlt. Decken liegen chaotisch herum, wie eigene kleine gewundene Körper.
Ich öffne die Jalousie und kann mich noch einmal  über die Sonne und den blauen Himmel freuen. Die Helligkeit nimmt dem Schlafzimmer das Schwere, das Schwülstige, den Mief des Momentes kurz vor dem Aufstehen. Im Tageslicht sind die Decken fluchs und ordentlich gefaltet, das Kissen aufgeschlagen, die Nacht verflogen, Morgenstimmung ‚at it’s best‘. Es bestehen ‚Gott sei Dank‘ noch Gestaltungsmöglichkeiten für den Tag.
Das Bad begrüßt mich hell und freundlich, viel Holz. Die Handlungen hier unterliegen einem alltagserprobten Ritual und haben eine festgelegte Reihenfolge.
Da ich eben schmutzige Wäsche sortiert habe und es Sommer ist, stehe ich nackt (6) vor dem Becken und dem großen Spiegel mit dem vergoldeten Bilderrahmen.
(6) ich stehe nicht oft nackt vor dem Becken, wenn ich mir die Zähne putze. Es dient hier tatsächlich einem gewissen literarischen Experiment, mich schreibend, dem Unbeschreiblichen auszusetzen und dabei Unausprechliches dringend zu vermeiden.



Zuerst wasche ich mir die Hände. Es dauert ein bisschen, bis das Wasser angenehm warm dafür ist.
Während ich fühle und warte, betrachte ich den alten Mann im Spiegel. So lange er gerade steht geht es noch. Auffällig wabbelig, die Brustmuskulatur beim leichten nach vorne beugen, wenn die rechte Hand zum Hahn geht, um die Temperatur zu erfühlen. Der Schnellreiniger für die ‚Dritten‘ braucht eine gewisse Temperatur.
Denke darüber nach, dass meine Haare viel zu lang geworden sind und damit viel zu aufwendig in der Pflege.(2)
(2) Etwa vor einem Jahr nahm ich mir vor meinen ‚Style‘ ein wenig zu ändern. Ich googelte ‚Frisuren Männer‘. Auf den ersten drei Trefferseiten waren sämtliche Haarmodels unter dreißig. Was diese auf dem Kopf hatten waren dann auch wirkliche Frisuren, weit entfernt davon pragmatisch und pflegeleicht zu sein, was eine Männerfrisur unter anderem auch unbedingt sein sollte.


Laut FAZ-online vom 28.05.2013 leiden 80% der männlichen Mitteleuropäer unter Haarausfall. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum man über 40 so langsam aus der Herrenfrisurzielgruppe (3) rausfällt.

Es tut weh, in bunten Bildern auf dem Monitor belegt  zu sehen, wie schnell der Mann als solcher, augenscheinlich auf dem Kopf verwelkt.



(3) Weitere Zielgruppen (7) aus denen ich bereits, altersbedingt heraus falle:
– Windelkäufer

– bestimmte Formen der Altersvorsorge

– Einzelkämpfer-Action-Filme

– bestimmte Musiksender

– Turnschuh-Geschäfte

– Cannabis-Aufklärung
(7) Zielgruppen, in die ich dafür komme:
– Faltencreme

– Elektrofahrräder

– Wellnesseinrichtungen

– Epische Erzählfilme

– bestimmte Musiksender

– Gesundheitsbücher 

– Hobby-Zeitschriften-Abos (10)

(10) Man legt sich halt fest.
(2.b) Ich googelte auf alle Fälle auch nochmal ‚Frisuren ältere Männer‘.

Das erste Trefferbild war von George Clooney.

‚Schon mal ’ne andere Liga.‘, dachte ich.

Das zweite Bild zeigte einen gut gepflegten Mann um die sechzig, der locker aufgestützt, in einem hellen Anzug auf einem Cheselon dahin lag.

Sein Haupt zierte eine lange, volle , silberne Surfermatte.

„Jawoll!“, dachte es mich und seit dem lass ich meine Haare wachsen.

Bis Neujahr werde ich das durchziehen und ab September kommt ein Vollbart dazu.


Style verändern nennt sich das und es wirkt auf mich tatsächlich befremdlich, diesen  Dandy mit diesem schwuchteligen Schwung Haare auf dem Kopf im Spiegel zu sehen. Auf der anderen Seite passt es auch wieder. Ist der Tod doch ein Dandy, wie einst Blixa Bargeld in die damalige Welt hinauskrähte.




Nehme dann nach dem Händewaschen stets zunächst meine Dritten Zähne raus. Erst, vorsichtig, die Friktion der Oberen losrütteln, dann schneller die Unteren, rausgedrückt mit der Zunge. Grinse mir kurz im Spiegel zu und finde die silbernen Stifte im Mund haben etwas Verwegenes.

Die Prothesen in den blauen Becher mit warmen Wassers. Reiniger dazu. Lustig blubbern die kleinen Bläschen im Strahlenkranz des Oberlichtes und bilden einen rein weißen Teppich.
Putze mir mit der elektronischen Zahnbürste die Zähne.
Bis mir Pastafäden aus den Mundwinkeln tropfen trete ich ein paar Schritte zurück und pose ein wenig vor dem Spiegel. Dabei schiebe ich einzelne Partien meiner Oberfläche in eine Flut Sonnenlichts, dass durch das Dachfenster hineinfällt. Schulter und Hals mag ich. Bei Haltung auch die Brustpartie. Der Bauch eindeutig die Karikatur eines Bauches, ähnlich einer Holzpuppe aus dem Schwarzwald (1), meine Lenden, meinen Schwanz mit der gepflegten Behaarung mag ich, den straffen Sack ebenfalls. Rücken o.k., der Po, ebenfalls nur mit Aufwand erträglich im gleißenden Sonnenlicht. Alles in allem eben der Körper eines Mannes um die 50.
(1)  Ich meine geschnitzte Holzpuppen, wie sie in der Nähe von Freiburg oft in Gasträumen von urigen Gasthäusern  standen, als ich ein Kind war.

Ich denke an die, welche mit Augenzwinkern die deutsche Gemütlichkeit darstellen sollten;


oft ältere Männer mit Hut und Bart, einer knielangen Bundhose, Holzschuhen an den Füßen, oft nicht allzu bunt, eine lange Pfeife in der einen und einen Humpen Bier in der anderen Hand. Ihre Gesichter erinnern an die wintervertreibenden, hölzernen Masken der Fastnachtshexen dieser Gegend.

Als Kind empfand ich diese Figuren oft als garstig.


Heute denke ich mit Blick auf diese komische Modeliermasse  an mir, darüber nach, ob diese Figuren der Kindheit mich gerade als eine Karikatur deutscher Gemütlichkeit entlarven und ob das nicht vielleicht auch o.k. ist.

Das allgemeine Körperschönheitsideal für Männer dieser Zeit rauscht ja doch eher an mir vorbei.

Tatsächlich bin ich ein wenig stolz auf meine neugewonnene müßige Gemütlichkeit.

Ob diese deutsch ist weiß ich nicht.

Ich wirke auf alle Fälle auf einer Holzbank sitzend, mit einem Bier in der Hand und einer Pfeife im Mund authentischer, als wenn ich an dieser Bank waldlaufend  vorbeirennen würde. 



Mundspülung als Nächstes. Fahr mir dabei mit der rechten durch die schwer zu bändigende Frisur.
Spare mir heute die Rasur und lass das Wasser der Dusche laufen.
Bei dem plätschern und trommeln geh ich lieber nochmal Pinkeln, bis das Wasser angenehm temperiert ist.
Morgendliches Duschen bei Sonnenschein bietet auf allen Ebenen Reize für die Sinne. Das Glasperlenspiel der spritzenden Tropfen, das warme Wasser auf der Haut, die Berührungen, der Duft der Seifen und Shampoos. Oft hat es etwas ganzheitlich Reinigendes, etwas läuterndes. Bin immer wieder überrascht, wie anständig (5) ich mich nach einer ausführlichen Reinigung fühlen kann.
(5) Als Kind hat mir die Beichte ein Gefühl beschert, dass sich getrost als ‚geläutert‘ bezeichnen lässt. Heute reicht ein wenig Wasser aus dem Hahn. Leicht wie eine Feder. Nichts was mehr belasten würde. Neustart. Reset gedrückt, eben geduscht.


‚Anständig‘ habe ich mich eigentlich bis weit über 30  immer gefühlt. Vielleicht ein kleiner Anständigkeits-Narzissmus.

Natürlich habe ich ne LKW-Ladung voller Fehler gemacht, war unfair, verletzend, bösartig, aber ich hatte das Gefühl eben ‚anständig‘ damit umzugehen, vorrausgesetzt, ich habe irgend etwas gemerkt.


Zudem besteht die Möglichkeit, dass es, auf Grund des Geflechtes von Beziehungen und Geschichte(n), in die man verstrickt ist, wahrscheinlich gar nicht möglich ist, wirklich immer anständig zu bleiben. Gewusst habe ich das schon lange, aber die eigentliche Erfahrung mach ich im spürbaren Sinn erst jetzt.




Das Abtrocknen findet als rein pragmatische Handlung oberflächlich statt. Perlende Nässe zeichnet längliche Schlieren auf meinen Bauch. 

Freue mich, dass ich alles sehen kann. Fußspitzen, Füße, Unterschenkel, das meiste der Oberschenkel, Schwanzspitze, gerade stehend, ohne Vorbeugen. Geht doch, geht noch.
Mit einer alten, ausgefransten Nagelbürste schrubbe ich dann kräftig die eingeweichten ‚Dritten‘. Wieder zuerst die Oberen, dann die Unteren. Auf den Backenzähnen gibt es ein paar Einfärbungen, die ich bei aller Kraft nicht heraus bekomme,Abspülen unter dem Wasserhahn und dann einklicken. Klick, klick.(8)
(8) Ich habe ein neues Interesse an dem Erhalt der restlichen eigenen Zähne gewonnen. Dieses, nicht um mir weitere Behandlungen und Kosten zu ersparen, sondern weil die Zähne, neben den Knochen das sind, was physikalisch am längsten erhalten bleibt. Im Museum sieht so ein zerzauselter Schädel mit Zähnen doch sehr viel spannender aus, als ohne, möglicherweise Eitelkeit. 



Bin ich dann angezogen hat der Tag zumeist seine Jungfräulichkeit verloren.

Oft sind erste SMSes eingetroffen und fortschreitende Zeit erzwingt ein wenig strukturiertes Vorgehen. Der Tag frisst sich selber auf.
Zufrieden werde ich jetzt ein wenig aufräumen, bevor ich dann mit dem Hund gehe und die anderen eintrudeln.
Bin Angekommen in diesem Tag, was immer das bedeutet.

From → Schreibwerk, text

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